Financial Times besucht Unternehmerstammtisch der MIT Göppingen
Dienstag, 16. Juni 2009
Haltung zu Staatshilfen Testfahrt durch die Opel-Republik von Nikolai Fichtner, Claudia Kade, Angelika Dehmel, Peter Ehrlich, Monika Dunkel Wer entscheidet, welche Unternehmen der Staat rettet? Es ist Wahljahr, da kommt es vor allem auf Meinungsumfragen an und die Stimmung der Parteibasis. FTD.de sucht Spuren in der Krisenrepublik. Es geht um viele Milliarden Euro und um vier Jahre Macht. Soll der Staat Unternehmen in der Krise helfen? Opel ja, Arcandor nein, das hat die Große Koalition bisher entschieden. Aber weitere Fälle werden folgen. Es ist Wahljahr, da kommt es darauf an, welche Position die Mehrheit hat. Und es ist Wahlkampf. Da muss die eigene Basis mitziehen. Selten waren die öffentliche Meinung und die Stimmung im Parteivolk so wichtig für politische Entscheidungen wie jetzt beim Thema Staatshilfen. Eine Spurensuche. Am Unternehmerstammtisch Es ist Donnerstagabend, wenige Tage nach der Arcandor-Entscheidung, 20 Leute sind zum Unternehmerstammtisch ins Gerber Bräu in Göppingen gekommen, das Bier ist selbst gebraut. An diesem Tisch sitzen also die Leute, für die Arcandor in die Insolvenz gehen musste. So geht jedenfalls eine der in Berlin kursierenden Theorien, wonach Merkel nach der Opel-Rettung dringend eine ordnungspolitisch motivierte Insolvenz brauchte, um ihren Wirtschaftsflügel ruhigzustellen. Und? Falls das so stimmt, hat es ihr dann genutzt? "Die Entscheidung war absolut richtig", sagt Eduard Freiheit, Mittelstandsberater, gelbe Krawatte, schwarzes Hemd. Freiheit ist wie die meisten Mitglieder der Mittelstandsvereinigung MIT zwar CDU-Mitglied, aber was er sagt, klingt stark nach FDP. Jetzt seien die Magenschmerzen, die er mit seiner Parteiführung hatte, wieder etwas abgeklungen, sagt Freiheit. Aber das mit Opel war ja auch schlimm genug. Das Mitteilungsbedürfnis ist groß im Gerber Bräu, die Selbstständigen und Mittelständler haben das Gefühl, dass man sie nicht versteht in Berlin. Immer wieder fällt das Wort von der "Ungleichbehandlung". "Uns hilft doch auch keiner", sagt die Unternehmerin, Autozulieferbranche, 60 Prozent Umsatzeinbruch in Europa. Es fallen harte Worte, vor allem gegen Großkonzerne, deren Vorstände abkassieren, ohne eigenes Risiko zu tragen. Das Vertrauen, dass ihre CDU das Richtige tut, ist nicht groß. (aus: FTD, 16.06.2009)

